Anke Fasse

vom Deich zu den Anden

Gerade komme ich vom Gottesdienst im deutschen Altenheim zurück und brauche erst mal einen Kaffee. Die Autofahrt in dem chaotischen Verkehr in Lima hat mir wieder mal sämtliche Nerven geraubt. Ich ärgere mich, dass ich doppelt so viel Zeit im Auto verbracht habe, wie im Gespräch mit den Seniorinnen und Senioren. Aber dann fällt mein Blick auf die vielen Fotos unserer Zeit in Lima und blitzartig verändert sich meine Stimmung. Dankbar und erfüllt grinse ich in mich hinein.

Lima, Hauptstadt Perus. Seit über sieben Jahren ist diese gigantische Stadt voller Gegensätze mit über 10 Millionen Einwohnern am Pazifik mein Zuhause. Schon als Jugendliche wollte ich einmal für längere Zeit im Ausland leben und eine andere Kultur näher kennen lernen. Ich studierte Theologie. Das Grenzen und Kultur überwindende des Glaubens faszinierte mich immer schon. Ich machte ein Praktikum in Indonesien. Das Vikariat aber ganz bodenständig im Oldenburger Wangerland. In einem 1000-Seelen-Dorf mit Blick auf den Deich trat ich meine erste Pfarrstelle an.

„Warum nicht Lima?“

Und doch meldete sich immer wieder der alte Wunsch, einmal über den Tellerrand zu blicken. Ich kannte Kolleginnen und Kollegen, die im Ausland waren und sehr bereichert zurückkehrten. Warum eigentlich nicht? Aber wo? Malmö, Prag – oder wie wäre es mit Lima? Ein vielfältiges Arbeitsfeld: mit Schulunterricht an der deutsch-peruanischen Begegnungsschule, Begleitung der Sozialwerke in den sozialen Brennpunkten der Stadt, das Feiern von verschiedensten Gottesdiensten in einer Gemeinde mit Menschen mit ganz unterschiedlichem religiösem und kulturellem Hintergrund – all das in einer pulsierenden Metropole mit allen Vor- und Nachteilen, die das Leben dort bietet. Warum nicht Lima? So fragten sich mein Mann – auch Pfarrer der oldenburgischen Kirche – und ich. Und wagten eine Bewerbung. Kurze Zeit später fanden wir uns mit unseren drei Söhnen das erste Mal in Lateinamerika wieder.

Leben im Übergang
Was dann folgte, könnte gegensätzlicher kaum sein: Kirche und Pfarrhaus befanden sich in dem Bankenviertel Limas, direkt neben neu entstehenden Wolkenkratzern und mehrspurigen Straßen. Eigentlich wollte die Gemeinde schon lange umziehen. Die Gebäude waren baufällig, der Ort nicht mehr gut zu erreichen und kein Wohngebiet von Gemeindegliedern mehr. Aber so ein Umzug war nicht leicht: Ein passendes Grundstück mit einer Baugenehmigung für die künftige Kirche musste gefunden werden. Das sollte in einem dafür passenden Stadtteil geschehen. Für das bisherige Gelände brauchte es einen Käufer. Für das neue ein Konzept für Kirche und Gemeindezentrum. Bei alldem sollten natürlich möglichst alle Gemeindeglieder – die unterschiedlicher nicht sein konnten – mitgenommen werden. Was für ein Projekt!

Ein neuer Ort lebendigen Glaubens
Neben den alltäglichen und besonderen Aufgaben der Pfarrerin oder des Pfarrers hier, hat uns fast täglich das Bauprojekt Christuskirche begleitet. Inzwischen steht die neue Kirche am neuen Ort. Wir blicken auf Entwidmung, Grundsteinlegung, Einweihung der Kirche und ein Jahr später die Einweihung der neuen Kirchenorgel zurück. Dazwischen lagen gut zwei Jahre Gemeindeleben im Übergang. In dieser Zeit haben wir Gottesdienste in der Schulaula gefeiert, Konfirmation in der katholischen Kirche und Taufen im Schullandheim. Die Gemeinde hat ihr Leitbild erarbeitet: Christuskirche – Ort lebendigen Glaubens für Deutschsprachige und Ort kultureller Begegnung. In diesen Wochen finden erste Orgelkonzerte statt. Es kommen Deutsche, Schweizer, Österreicher und vor allem ganz viele Peruaner, um Bachwerke oder auch Jazz auf einer Orgel zu hören. Denn solch ein Instrument gibt es in Peru kaum.

Eine Wahnsinnszeit! Erfahrungen und Begegnungen, die schöner und anstrengender nicht hätten sein können. Und neben der Arbeit in der Gemeinde war es dazu super spannend ein neues Land und einen anderen Kontinent zu entdecken. Ehrfurcht vor dem, der dies alles geschaffen hat, erfüllt mich hier in besonderer Weise und immer wieder neu.

Anke Fasse