Umzüge

Johannes Böckmann

Studienort: Marburg

Schon einmal einen Trocken-Umzug gemacht? Schon Mal richtig umgezogen?

 

Selten ist ein Umzug das große Vergnügen. Meist muss man ja auch umziehen, nur weil die Zukunft an einem anderen Ort weitergeht. Eher selten will man umziehen, weil man vielleicht schon zu lang nicht mehr umgezogen ist. Klar. Ein Umzug bedeutet viel Arbeit: Organisation. Stress. Abschied. Neuanfang. Einleben. Umzüge sind immer Ausnahmesituationen. Und doch: Auf eine seltsame Art und Weise mag ich sie. Umzüge.

Ein kleiner Bruch mit der Vergangenheit

Ich mag sie, obwohl sie mir immer auch etwas Angst machen. Umzüge sind wie ein Sprung vom Fünf-Meter-Brett. Ein Risiko, ein Sprung ins Unbekannte. Altes zurücklassen. Und in neues hineingehen, das meist eben noch ungekannt, fremd ist. So eine Schwelle, über die man dann muss. Andererseits ist in jedem Umzug die immer wieder einmalige Chance versteckt, mit liebgewordenen Gewohnheiten, mit altvertrauter Einrichtung und den ausgetretenen Pfaden der Vergangenheit zu brechen. Sich selbst quasi „neu zu erfinden“, wenigstens ein kleines Stück. Ein neuer Raum, ein neuer Ausblick, ein neues Umfeld. Und vielleicht eben auch mal neue Farbe an den Wänden. Wohlbekannte Möbel an neuen, noch unbekannten Orten. Das tut – obwohl jeder Umzug auch ein Kraftakt ist – gut und kann sogar Spaß machen.

„Trocken-Umzug“: Wie schnell man sich doch verändert

Man muss nicht mal den Wohnort wechseln, um umzuziehen. Es braucht nicht immer einen neuen Ort. Der alte, bisherige kann neu werden. Dann genügt es schon, einfach nur die eigene Wohnung, das eigenen Zimmer komplett zu verlassen, seine sieben Sachen zu packen. Verrückt? Nein: Spannend! Ich sehe das Alte, Bekannte steht leer da – und scheint plötzlich ganz neu und unbekannt. So eine Art „Trocken-Umzug“, mit den anfänglichen Gedanken:
Wenn ich jetzt in meine eigene Wohnung einziehen würde, wo würde ich meine Möbel hinstellen? Wie würde ich die Räume nutzen? In welchen Farben würde ich sie streichen? Und, ich bin sicher, es wird nicht lange dauern, bis die wirklich wichtigen Fragen kommen: Bin ich selbst eigentlich noch derselbe, der ich bei meinem letzten Einzug war? Was mache ich jetzt anders als damals? Und warum? Was hat sich bei mir, in mir verändert?


Ich kann mich nicht genau erinnern, wann ich das erste Mal so, nämlich „trocken“ umgezogen bin. Es muss gewesen sein, als ich in der Grundschule war… Erinnern kann ich mich hauptsächlich an eine spätere spontane Aktion meinerseits, dass ich eines Tages, schon als Oberstufenschüler, keine Lust mehr auf mein „altes“ Kinderzimmer hatte. Es war immer unordentlich gewesen, Spielzeug und Kindersachen lagen überall herum. Kurz: Irgendwie “passte“ es einfach nicht mehr zu mir. Ich war sozusagen „aus ihm heraus gewachsen“. Ich wollte Musik hören, wollte in einem Sessel sitzen, wollte lesen und mich besser bewegen können. Das war nie möglich gewesen. Was ich dann tat, war so ein „Trocken-Umzug“: Annähernd alle Kuscheltiere verschwanden in einem Plastiksack, die Berge unzähliger Legosteine in Kisten, die Unordnung in den Regalen, der Firlefanz im Müll und das, was ich aufheben wollte, gelangte auf den Dachboden. Nicht sonderlich spektakulär — bis man es selbst tut. Jedenfalls erfüllt die Erinnerung daran mich mich mit einem nostalgischen Wehmutsgefühl. Aber auch mit Stolz auf den, der ich danach wurde.

Der Zauber des Neuanfangs

Mit Umzügen streifen wir unsere alte Haut ab, bewahren sie in unseren inneren ewigen Memoiren. Wir malen ein neues Selbstportrait und hängen das bisherige in die Galerie der Selbstportraits. Und wie herrlich, danach in neuen alten Räumen durch zu atmen. Und sich selbst nochmal wieder neu zu fühlen, weil man Altes und Vergangenes hinter sich lässt. Dieser „Zauber des Neuanfangs“!

Auf der Schwelle zum neuen Studentenleben ziehen die meisten Erstsemester zum ersten Mal in die Eigenständigkeit, die Freiheit, die Ungewissheit, die Verantwortung einer eigenen Wohnung, oder die Gleichberechtigung einer WG. Man wächst mit jedem Umzug über sich hinaus.

Im Studium der Theologie kann das fast zur Gewohnheit werden: Um möglichst viele herausragende Dozenten zu erleben und viele theologische Strömungen wahrzunehmen, wechselt man gern Mal nach dem Grundstudium, im Hauptstudium und zur Examensvorbereitung die Uni. Oder auch, weil das WG-Leben zu voll oder die eigene Wohnung zu leer von anderen Menschen ist. Es gibt Hundert Gründe für einen Umzug.

Spartanische Zustände kurz nach dem Wohnortswechsel

Mein letzter Umzug ging aus der WG im städtischen Marburger Südviertel in meine erste eigene Wohnung ins ländliche Marburg-Wehrda, mit dem Rad nun 20 Minuten statt 15 zu Fuß von der Universität entfernt. Am Anfang war meine Wohnung wüst und leer. Dann schraubte ich ein paar Glühbirnen ein. Und nach zwei Tagen im öffentlichen Personennahverkehr hatte ich meine Bücher, ein wenig Gerümpel und Klamotten in meiner Wohnung. Die größeren Dinge mussten bis zum Wochenende auf den “StudiBus”-Transporter waren – und ich auch. Ohne Möbel und Vorhänge, ohne Herd und Ofen, ohne Bett und Teekanne verbrachte ich dort die ersten Nächte. Am zweiten Tag zog ich los, einen Teppich zu kaufen, um die Unwohnlichkeit der Wohnung zu überdecken. Am dritten Tag half mir ein Freund beim Transport. Alles war in der Wohnung: Links Klamotten und Isomatte, rechts Bücher und meine Musikanlage, vor mir Kisten und Kartons. Fünf Minuten später hinter mir Papiermüll und vor mir Zeugs. Es ist gar nicht so leicht, einen Berg Pappe loszuwerden, wenn die Müllabfuhr nur das mitnimmt, was in die blauen Tonnen passt, die von allen Bewohnern des Hauses geteilt werden. Die Kartons stellten noch lange einen guten Teil der Landschaft meiner Wohnung dar. Dann kamen die neuen Möbel, der Herd, der Schreibtisch, die Ordnung in meine Wohnung. Nirgendwo fühl’ ich mich so wohl wie in meiner Wohnung.

Die eigene Wohnung: ein Teil von einem selbst

Ich bin mir nicht sicher, ob ein Umzug mehr mit Schöpfung oder mit Ostern zu tun hat. Fest steht, dass Ich nicht an meiner Haut ende, sondern meine ganze Wohnung, mehr denn je, ein Teil von mir geworden ist.

Wer umzieht, lässt nicht nur seine ehemalige Bleibe hinter sich. Ein Stück von ihm bleibt ebenfalls dort. Und wird am neuen Ort (der manchmal auch der alte sein kann…) selbst jemand neues. Nein: Keine Angst vor Umzügen! Bei aller Arbeit, unterm Strich wiegt die Chance größer, die in ihnen steckt.