Das Studium der evangelischen Theologie

Die Theologie ist eine wissenschaftliche Disziplin, du kannst sie an theologischen Fakultäten/Fachbereichen der Universitäten oder an Kirchlichen Hochschulen studieren. An den Universitäten gehört die Evangelische Theologie zum Kanon der Geisteswissenschaften.

Das Studium ist grundsätzlich in zwei Phasen unterteile: Grundstudium bis zur Zwischenprüfung und Hauptstudium bis zum Studienabschluss. Es umfasst die Disziplinen: Altes Testament, Neues Testament, Kirchengeschichte, Systematische Theologie und Praktische Theologie. Weitere Charakteristika:

  • Erlernen der alten Sprachen: Latein, Griechisch und Hebräisch
  • Regelstudienzeit = zehn Semestern + zwei Sprachsemester
  • Blick auf andere Wissenschaften: Philosophie (Philosophikum), Psychologie, Judaistik, Archäologie, Geschichte, Religionswissenschaften, Soziologie, Kulturwissenschaften
  • Studienortwechsel und Auslandsstudium möglich
  • Studienbegleitendes Praktikum in Gemeinde, Kirche und Gesellschaft

 

Das Grundstudium: solide Grundkenntnisse erwerben

Zunächst erwirbst du die erforderlichen Sprachkenntnisse: Hebräisch, Griechisch und Latein gelten zwar als Studienvoraussetzung, entsprechende Sprachkurse mit Prüfung (Hebraicum, Graecum, Latinum) werden aber an den Fakultäten angeboten.

Den inhaltlichen Schwerpunkt des Grundstudiums bilden zunächst die „historischen Fächer“ der Theologie: Altes Testament, Neues Testament und Kirchengeschichte. In „Bibelkunde“ erwirbst du die elementaren Kenntnisse der biblischen Schriften.

Vorlesungen vermitteln Überblickswissen, in Proseminaren und Übungen erlernst du die für die jeweilige Disziplin erforderlichen Methodenkenntnisse. Das Grundstudium schließt du mit der Zwischenprüfung ab.

 

Das Hauptstudium: Wissen vertiefen, Praxis erleben

Im Hauptstudium vertiefst du erworbene Kenntnisse und setzt Schwerpunkte. Das Studium zielt neben dem Erwerb theologischer Fachkenntnis darauf, eigenständig theologische Urteile bilden zu können und sie argumentativ zu vertreten. Die Herausforderung besteht darin, angeeignetes Wissen einer theologischen Disziplin in den fächerübergreifenden Zusammenhang der gesamten Theologie zu rücken.

Vorlesungen und Seminare widmen sich speziellen Fragestellungen der fünf Disziplinen. Selbstorganisierte Formen des Lernens, etwa in Arbeits- und Examensgruppen, ergänzen das Lehr- und Studienangebot. Sofern nicht bereits im Grundstudium geschehen, legst du das „Philosophikum“ ab.

Während eines Gemeindepraktikums lernst du den Pfarramtsalltag in einer Kirchengemeinde kennen. In Absprache mit der Ortspfarrer*in, die das Praktikum begleitet, sammelst du erste Praxiserfahrungen.

Das Studium dauert im Schnitt insgesamt 12–14 Semester, zumal wenn die Sprachen an der Universität erlernt werden müssen.

Abschluss
Du beendest das Studium mit Diplom, dem 1. Kirchlichen Examen (Prüfungsordnung) oder Magister (Hauptfach), wenn du das Pfarramt anstrebst. Beide Abschlüsse berechtigen zu Promotion (Dr. theol.) und Habilitation.

 

Die fünf Disziplinen der Theologie

Gegenstand der Theologie ist das Hinterfragen und Reflektieren der Wirklichkeit Gottes, wie Menschen zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten sie erlebt haben.

Die Theologie bedient sich wissenschaftlicher Methoden und „Nachbarwissenschaften“ zur Bearbeitung ihrer Fragestellungen: Philosophie, Philologie, Judaistik, Orientalistik, Geschichtswissenschaft, Archäologie, Psychologie u. a. Ihre fünf Hauptdisziplinen sind:

  • Altes Testament
  • Neues Testament
  • Kirchengeschichte
  • Systematische Theologie
  • Praktische Theologie

An einigen ev.-theol. Fakultäten haben sich spezielle Fragestellungen und Forschungsbereiche so weit ausdifferenziert, dass sie eine eigene Hauptdisziplin bilden, z. B. die Missions- und Ökumenewissenschaft.

 

Die exegetischen Fächer: Altes und Neues Testament

Die biblischen Schriften des Alten und Neuen Testamentes sind für den christlichen Glauben grundlegend und somit zentraler Gegenstand theologischer Forschung. Die „Exegese“ (griech.: Auslegung, Erläuterung) bearbeitet ihre Texte vornehmlich in der ursprünglichen Sprache (Altes Testament: Hebräisch; Neues Testament: Griechisch), um Ungenauigkeiten von Übersetzungen zu vermeiden.

Die exegetischen Fächer fragen danach, wer die jeweiligen Texte, in welcher historischen Situation verfasst hat? Auf welche Weise und vor allem warum wurden einzelne Texte später überarbeitet, mit Ergänzungen, Streichungen oder Korrekturen versehen? Welche Bedeutung hatte ein Text zu seiner Zeit? Neben diesen eher historischen Aspekten fragst du in der Exegese nach der theologischen Aussage biblischer Texte und nach ihrer Wirkungsgeschichte.

 

Streng wissenschaftlich

Bei ihrer Auslegungsarbeit wahrt die Exegese die wissenschaftlichen Standards, die für historische Forschung gelten, um wissenschaftlich diskursfähig zu sein. Sie arbeitet „historisch-kritisch“, bleibt also konsequent bei dem Text in seiner Zeit. Darüber hinaus entwickelt sich das Instrumentarium zur Erforschung biblischer Texte immer weiter. Die Exegese kennt heute feministische, befreiungstheologische, tiefenpsychologische oder sozialhistorische Fragestellungen. Sie entwickelt dazu jeweils eigene methodische Verfahren, um neue Erkenntnisse aus den alten Texten zu gewinnen.

 

Die alten Sprachen: Hebräisch, Griechisch und Latein

Für die wissenschaftliche Arbeit brauchst du drei Sprachen:

  • Hebräisch (Altes Testament)
  • Griechisch (Neues Testament)
  • Latein (Kirchengeschichte, z. T. auch Systematische Theologie).

Die erforderlichen Nachweise dieser Sprachkenntnisse kannst du über das Sprachkursangebot der jeweiligen Ev.-theol. Fakultät* erwerben. Sinnvollerweise zu Studienbeginn, um den drei historischen Disziplinen (Altes- und Neues Testament + Kirchengeschichte) gewachsen zu sein.

* HINWEIS: Im Einzelfall ist zu prüfen, ob die an einer Fakultät angebotene Sprachprüfung bei Kirchen (etwa bei der Meldung zum Ersten Theologischen Examen!) und anderen Fakultäten anerkannt wird (sonst kann es zu Problemen beim Studienortwechsel kommen!)

Meist bieten die Fakultäten auch Sprachkurse während der vorlesungsfreien Zeiten an. So kannst du einen Teil des Sprachenlernens aus den regulären Studiensemestern auslagern. Das ist ggf. BAföG-relevant: Die Sprachen gelten als Eingangsvoraussetzung zum Studium und mit Blick auf die Gesamtstudiendauer.

Natürlich kannst du die Sprachprüfungen auch als Teil des Abiturs nachweisen.

Die Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg bietet in Kooperation mit dem Institut für Ev. Theologie an der Carl-von-Ossietzky-Universität (Oldenburg) und dem Gymnasium Ulricianum in Aurich jährlich (August/September) einen Intensivkurs Hebräisch (mit anschl. Hebraicum) an. Hier findest du eine bundesweite Übersicht über das Angebot von Sprachkursen.

 

Kirchengeschichte: historische Forschung und Relevanz für die Gegenwart

Die Kirchengeschichte befasst sich mit der rund 2000-jährigen Geschichte der christlichen Kirchen und ihrer Theologie – unterteilt in fünf Epochen:

  • Alte Kirchengeschichte
  • Mittelalter
  • Reformationszeitalter
  • Neuere Kirchengeschichte
  • Kirchliche Zeitgeschichte

Gegenstand ist die Geschichte des Christentums und des kirchlich verfassten Christentums von den Anfängen bis heute. Die Kirchengeschichte fragt zudem nach außerkirchlichen Wechselbeziehungen des Christentums. Sie arbeitet mit den Methoden der allgemeinen Geschichtswissenschaft (Heuristik, Kritik, Interpretation, Darstellung) und versteht sich als ein Teilbereich der allgemeinen historischen Forschung.

 

Geschichte hilft, die Gegenwart zu verstehen

Durch ständige Erweiterung von Methoden und Fragestellungen hat sich die Kirchengeschichte zunehmend ausdifferenziert. Neuere Methoden sind etwa Statistik, Mikro-Historie oder Oral History (Zeitzeugen-Interviews). Neue Fragestellungen schaffen neue Perspektiven und nicht selten neue Teilgebiete: z. B. Mentalitätengeschichte, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Frauen- und Geschlechtergeschichte, Religionsgeografie.

Wenn du dich mit Kirchengeschichte beschäftigst, wirst du entdecken, dass gegenwärtige Entwicklungen sich oft mehr oder minder längeren geschichtlichen Prozessen verdanken. Die Geschichte öffnet den Blick für das Geworden-Sein von Kirche und Glauben, für die Wechselprozesse, die sich seit rund 2000 Jahren zwischen Kirche und Gesellschaft ereignen und die Gegenwart prägen.

 

Die Systematische Theologie: Philosophie des Glaubens

Gegenstand der Systematischen Theologie ist der Inhalt des christlichen Glaubens (Dogmatik) und seine Bedeutung für das menschliche Leben und Handeln (Ethik). Sie reflektiert einzelne Themen des christlichen Glaubens, stellt Zusammenhänge dar und macht sie begreifbar.

Du lernst, Traditionen kritisch zu aktualisieren und den Dialog der wissenschaftlichen Theologie mit aktuellen Fragestellungen aus Kirche, Politik, Gesellschaft usw. zu fördern. Das setzt die Überzeugung voraus, dass christlicher Glaube sich in der Gemeinschaft der Kirche vollzieht, also nicht ausschließlich individuell gelebt werden kann.

Fragen der Systematischen Theologie sind zum Beispiel:

  • Warum gibt es Leiden in der Welt? (Theodizee)
  • Was passiert nach dem Tod?
  • Was heißt es, von „Vater, Sohn und Heiligem Geist“ zu sprechen? (Trinität)

 

Christliche Ethik

Philosophie und ihr Teilbereich Ethik rücken dabei oft in den Blick. Ebenso der Dialog
zwischen den christlichen Konfessionen und den Weltreligionen. An manchen Fakultäten haben sich aus diesem Dialog weitere Disziplinen entwickelt, z. B.: Religionswissenschaft und Missionswissenschaft.

Auch mit den Fragen der Ethik nach dem „guten“, „richtigen“, „verantwortlichen“ Handeln wirst du hier konfrontiert: Welche Konsequenzen hat das eigene Tun und Verhalten? Welche Richtlinien folgen aus dem christlichen Glauben? Wie kann ein theologisches Verständnis von »Gerechtigkeit«, »Verantwortung«, »Gewissen« oder »Liebe« aussehen?
Die Systematische Theologie deutet solche Begriffe aus der christlichen Tradition und füllt sie mit Leben, indem sie sie mit den ethischen Fragen gegenwärtiger Lebensführung konfrontiert.

 

Die Praktische Theologie: von der Theorie zur Praxis

Das kritische Vermitteln zwischen theologischer Wissenschaft und kirchlicher Praxis ist Aufgabe der Praktischen Theologie. Ihre Teilbereiche sind:

  • Konzeption, Durchführung und Kritik von Predigten (Homiletik)
  • Geschichte, Gestalt und Entwicklung von Gottesdiensten und Andachten (Liturgik)
  • Begleitung von Menschen nicht nur in Notsituationen und Konflikten (Seelsorge, Poimenik)
  • Grundlagen und Wesen von Pfarramt und der Rolle der Pfarrer*in
  • Religiöse und pastorale Praxis aus psychologischer Perspektive mithilfe sozial- und humanwissenschaftlicher Nachbardisziplinen (Pastoralpsychologie)
  • Religiöse Erziehung, Bildung und Sozialisation in Kirche, Schule, Familie und Gesellschaft; im Dialog mit der Pädagogik
  • Religionsunterrichte an Schulen, Konfirmandenunterricht und pädagogische Arbeit in Kirchengemeinden (Religionspädagogik/Katechetik)
  • Voraussetzungen und Praxis von Gemeindeentwicklung und ihrer Steuerungsprozesse (Kybernetik/Oikodomik)
  • Diakonische Praxis regional und international sowie als elementarer Bestandteil kirchlichen Selbstverständnisses; das diakonische Handeln Einzelner, aber auch der organisierten Diakonie (Diakonik).

In der Auseinandersetzung mit diesen Themen und Fragen wirst du Einsichten aus zahlreichen Nachbardisziplinen gewinnen, z. B.: Psychologie, Pädagogik, Soziologie, Medizin, Theaterwissenschaft, Kunst- und Kulturwissenschaft.

 

Fragen, die dich beschäftigen oder dabei auftauchen,
kannst du hier loswerden – und bekommst persönlich Antwort!

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